Los-lassen

Immer wieder lese ich von Menschen, die sagen, sie müssten von etwas „loslassen“ und es gelingt ihnen nicht. Und schon oft habe ich mich gefragt, was ist damit eigentlich gemeint, mit dem Wort „Loslassen“?

Wenn ich Gespräche über dieses Thema verfolgen, so stelle ich oft fest, dass wirklich viele Menschen von sich erwarten, ein Problem einfach „so“ loswerden zu können. So als sortiert man mal eben seinen Kleiderschrank aus, packt alles in Müllsäcke und karrt alles zur Müllabfuhr.

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Doch kann man das wirklich „einfach so“ mit kritischen Themen tun?

Kann man Trauer um einen geliebten Menschen, Verletzungen durch einen Partner, Ärger mit den Kollegen, finanzielle Nöte oder gar Sorgen um einen erkrankten Freund „einfach los werden“?
Kann man tatsächlich all diese Situationen, die ja mit unterschiedlichsten Emotionen verbunden sind, visuell aussortieren und in ein Säckchen stecken, welches dann von irgendwem abgeholt wird?

Ich kann es jedenfalls nicht.

Vielmehr bedeutet für mich das Wort „loslassen“ eher das „Lösen“ von etwas. Und dies hat für mich ganz klar mit „nach einer Lösung“ suchen zu tun.
Und genau DAS setzt auch den Willen voraus, sich von etwas lösen zu wollen.
Doch zu diesem Lösen gehört weit mehr, als es „nur“ aus den Augen zu haben. Denn das was in unserem Leben ist, ist nicht nur „materiell“ mit uns verbunden.
So will eben auf allen Ebenen unseres „Verständnisses“ eine Lösung gefunden und akzeptiert/verstanden werden.

Besonders wird dies bei der Trauer um einen geliebten Menschen deutlich. Hier ist die materielle Trennung bereits da. Es war hier der erste Schritt der „Lö-sung“ voneinander. Doch dies ist beim Herzen und beim Verstand noch nicht angekommen.

Ebenso ist es, wenn unser Herz uns sagt, dass der Partner nicht mehr der richtige für uns ist. Doch unser Verstand wird dies immer und immer wieder in Frage stellen. Und dies mit einer unglaublichen Ausdauer. Denn all die Erinnerungen, die wir dort gespeichert haben, insbesondere über die glücklichen Zeiten, werden uns immer und immer wieder gezeigt.

Es kommen Ängste hoch, die schon seit ewigen Zeiten in uns schlummern. Dies all weckt unser Verstand, um zu überprüfen, ob es tatsächlich Zeit für eine Veränderung ist.

So finden wir uns nicht mehr in den Gedanken wieder, ob die Beziehung tatsächlich erfüllend ist, sondern ob wir es uns finanziell erlauben können, alleine zu sein. Ob wir das Leben alleine meistern können.
So wird aus einem Problem ein bunter Eintopf aus all dem, was uns begleitet.

Und all dies kann nicht „einfach-so“ weggesteckt werden. Einfach so „losgelassen“ werden.
Dieser beschriebene „Eintopf aus buntem Allerlei“ will angesehen und in seine Bestandteile zerlegt werden.
Er möchte angesehen werden und dies ziemlich genau.
Denn aus diesem bunten „Allerlei“ kommen die Ängste und die Bedenken, die uns hindern in eine andere Richtung zu gehen.

Da sind Fragen wichtig, die lauten könnten:

Woher kommt die Angst vor dem Allein-Sein? Und ist sie wirklich in der aktuellen Situation begründet?

Woher kommt diese Angst, es nicht alleine zu schaffen? Bin ich in einer vergleichbaren Situation wirklich schon einmal gescheitert?

Und aus diesen Fragen ergeben sich weitere Fragen:

Wie und woher kann ich mir Sicherheit holen? Habe ich mich seit dem letzten Erleben vielleicht verändert und neue Erfahrungen geschaffen, die mir jetzt helfen können?

Muss ich es wirklich alleine schaffen? Oder gibt es Hilfe, die ich mir holen kann? Gibt es Freunde/Kollegen/Verwandte/Bekannte/Organisationen, die mir behilflich sein können?

Bei dem Thema Trauer sind diese Fragen ganz anders und auch die Ängste sind andere.

Dennoch tauchen sie auf und wollen angesehen werden. Und dies ganz vorsichtig.

Vielleicht liegt der Druck, den wir uns mit dem Thema des „loslassens“ machen darin begründet, dass wir Menschen sind. Menschen, die mit Erfolgs- und Leistungsdruck großgeworden sind.
Oder vielleicht auch damit, dass viele von uns den Umgang mit Emotionen nicht gewohnt sind und gelernt haben, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Doch genau dieser Bereich macht den Teil des „Los-lassens“ aus, der zur Lö-sung führt. Der Bereich des Durchlebens dieser Emotionen. Des Zulassens. Denn nur das was ich annehme kann ich auch wieder loslassen.
Das Eine bedingt das Andere.

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